Wie arbeite ich mit dem Gefühlssurfer-Ansatz?
- Ein Baukastenprinzip -
Eine Besonderheit des Gefühlssurfer-Ansatzes besteht darin, dass es keine inhaltlich vorgefertigten Stunden gibt. Eine gewisse Ausnahme stellt der Beginn der Arbeit dar, da zunächst die gemeinsame Sprache (z.B. Metapher der Gefühls-Wellen, siehe ggf. auch Abschnitt Sprache) implementiert werden sollte, die die Kommunikation während des gesamten Gefühlssurfer-Prozesses prägen wird.
Die Vorbereitung einer jeden Einheit erfolgt in drei Schritten (siehe Grafik) und in Form eines Baukastenprinzips. Da jede Einheit in 5 Phasen eingeteilt ist, gilt es bei der Vorbereitung, diese inhaltlich zu befüllen. Wie die einzelnen Phasen jeweils «befüllt» werden, sollte sich in erster Linie danach richten, welche Eindrücke und Erfahrungen in der vorangegangenen Stunde mit der Lerngruppe gemacht wurden. Dieses Prinzip ermöglicht eine situative Anpassung der Inhalte an die jeweils wahrgenommenen Bedürfnisse der Lerngruppe.
Bevor die Konzeption der einzelnen Einheiten angegangen wird, empfiehlt es sich, die Rahmenbedingungen (Anzahl der Einheiten, durchführende Personen, etc.) der Gefühlssurfer-Arbeit als Ganzes zu bestimmen. Im Bereich FAQ's stellen wir unter anderem unsere Erfahrungen mit den Rahmenbedingungen zur Verfügung.
Die 3 Schritte der Entwicklung einer Gefühlssurfer-Stunde

Wie im Schaubild ersichtlich gehören zur Planung und Durchführung einer Gefühlssurfer-Einheit drei Schritte (Planung, Durchführung, Reflexion).
Schritt 1 ist dabei die grobe Planung der Stunde. Bewährt hat sich, ein Grundgerüst an Inhalten vorzusehen, ohne jedoch darauf angewiesen zu sein, jeden Inhalt "präsentieren" zu müssen, damit die Stunde in sich sinnhaft und schlüssig ist. Außerdem haben wir in besonders herausfordernden Lerngruppen die Erfahrung gemacht, dass es immer hilfreich ist, zumindest eine grobe Idee davon zu haben, was angeboten werden könnte, wenn ein vorgesehener Inhalt nicht angenommen wird.
Schritt 2 ist die Durchführung der geplanten Einheit. Bei aller Freiheit, situativ Inhalte anzupassen, mehr oder weniger Zeit für bestimmte Teile aufzuwenden oder auch einfach ganze Passagen auszulassen, ergab sich aus den Rahmenbedingungen unserer Arbeit meist, die einzelnen Einheiten in fünf voneinander trennbare Phasen zu unterteilen. Diese Phasen bilden den Rahmen für die darin eingesetzten Methoden, welche sich stetig vermehren und weiterentwickeln.
Schritt 3 ist die Reflexion der durchgeführten Stunde. Das gewinnbringende Potenzial von Intervision und Supervision ist in vielen Berufsfeldern bereits hinreichend belegt. Wir halten es daher für wichtig, dieses strukturelle Element der Methoden- und Selbstreflexion auch im pädagogischen Schulalltag fest zu verankern. Der Schritt der Anschlussreflexion ist im Übrigen oft auch ein bedeutender Teil der Vorbereitung auf die nächste Einheit, da das Besprechen des Erlebten unweigerlich zu Ideen, Zielformulierungen und Änderungswünschen für die kommenden Einheit führt.
Die Durchführung der einzelnen Einheit (Schritt 2) soll in den nun folgenden Abschnitten detaillierter vorgestellt werden. Ziel ist es, die fünf Phasen einer jeden Gefühlssurfer-Einheit schrittweise vorzustellen, kurz zu erläutern, welches Existenzrecht aus unserer Sicht jede der Phasen genießt und einige der Methoden und Materialien, die wir bisher verwendet haben.
Die 5 Phasen einer Gefühlssurfer-Einheit

Phasen 1 & 4: Eingangs- und
Abschlussrituale
Jede Gefühlssurfer-Einheit beginnt und endet mit einem kurzem Ritual. Dieses markiert den Start bzw. das Ende und bildet den Rahmen einer Einheit, die in ihrem Aufbau, ihren Ansprüchen und auch in ihrem Regelwerk nicht zwangsläufig dem sonst bekannten schulischen Alltag entspricht (siehe dazu auch in den FAQ,s "Weswegen werden Regelübertritte nicht sanktioniert?").
Wie „üblich“ beim Ansatz der Gefühlssurfer gibt es keine festgelegten Anfangs- und Abschlussrituale. Die bisher von uns verwendeten Rituale folgten meist dem Anspruch, einerseits einen aktivierenden Charakter, andererseits einen thematischen Bezug zum übergeordneten Thema der Gefühlssurfer zu haben.


Phase 2: Input- & Experimentalteil
Diese Phase kann als Kernelement einer jeden Gefühlssurfer-Einheit angesehen werden. Hier wird mit den Kindern und Jugendlichen über Emotionalität nicht nur gesprochen und reflektiert, sondern auch versucht, ein emotional bedeutsames Erleben zu generieren. Wie bereits beschrieben sollen die Kinder und Jugendlichen in einem Prozess begleitet werden, dessen Resultat idealerweise die Erkenntnis beinhaltet, dass Art und Intensität erlebter Emotionen genau wie die jeweiligen angewandten Emotionsregulationsstrategien immer einen biografischen Bezug haben und mitnichten alternativlos und unveränderbar sind. Im Idealfall wird das einzelne Kind / die einzelne Jugendliche darin unterstützt, eigene emotionale Zustände auf verschiedene Weise einzuordnen und neue regulative Verhaltensweisen zu erproben.
In dieser zweiten Phase wurden bisher 3 Ansätze genutzt, um die emotionale Entwicklung der Kinder und Jugendlichen im hier beschriebenen Sinne zu stärken. Diese sind:
- Psychoedukation und Einführung der Trickkategorien
- Wahrnehmungsübungen um multisensorisch bestimmte Prinzipien des emotionalen Systems erfahrbar zu machen
- Methoden, um eigenes Erleben zu reflektieren und dadurch emotionale Bedeutsamkeit der kognitiven Verstehensprozesse zu schaffen.
Diese drei Ansätze kommen abwechselnd, manchmal auch kombiniert, in jeder Input- und Experimentalphase der einzelnen Gefühlssurfer-Stunden vor. Im Folgenden wird auf diese Ansätze genauer eingegangen.
Zu 1.: Psychoedukation und Einführung der Trickkategorien
Es besteht ein weitreichender Konsens dahingehend, dass Menschen in ihrer Entwicklung alleine dadurch unterstützt werden können, wenn psychologische Wirkprinzipien erklärt werden. Diese sogenannte Psychoedukation ist also ein essenzieller Bestandteil, um Menschen in ihrer als positiv empfundenen Entwicklung zu unterstützen. Im Rahmen des Gefühlssurfer-Ansatzes besprechen wir psychoedukative Elemente vor allem, indem wir die metaphorische Sprache nutzen, um bestimmte Prinzipien der Emotionalität und Emotionsregulation verständlich zu machen. Konkret geht es darum, zu vermitteln, dass a) Emotionen aus ganz unterschiedlichen Gründen entstehen und ein existenzieller Bestandteil menschlichen Erlebens sind, b) Emotionen niemals "falsch" sind, sondern natürliche Reaktionen auf komplexe internale und externale Einflüsse darstellen, und c) Emotionen als Signale verstanden werden müssen, auf die, wenn sie bewusst wahrgenommen werden, ganz verschiedene Reaktionen folgen können (Emotionsregulationsstrategien eben). In unsere metaphorische Sprache übersetzt heißt dies, dass wir den Kindern Sprachbilder anbieten, die es möglich machen sollen, komplexe kognitive Sachverhalte zu verstehen. Wenn wir z.B. über Emotionsregulationsstrategien sprechen wollen, dann sprechen wir bei den Gefühlssurfern von "Surf-Tricks". Erzählt ein Kind beispielsweise, es höre immer Musik, wenn es sich etwas traurig fühle (oder, wenn es eine Traurigkeitswelle habe), dann wäre das in unserem Sinne ein Gefühlssurfer-Trick. Um über diese individuellen Surf-Tricks ins Gespräch zu kommen und ihnen einen persönlich bedeutsamen Bezug zu geben, nutzen wir oft das Gefühletheater, welches weiter unten ausführlicher beschrieben ist.
Um die unterschiedliche Wirkweise einzelner Tricks zu verdeutlichen, sprechen wir mit den Kindern zudem über verschiedene Surf-Trick-Kategorien. Dieser Ansatz folgt der Annahme, dass ein und derselbe emotionale Zustand auf unterschiedliche Weise moduliert werden kann. Während einige Menschen bei aufkommender Wut den Reflex haben, sich zu bewegen, sprich, die aufkommende Anspannung durch physische Aktivität abzubauen, haben andere Menschen in solchen Fällen den Impuls, sich "mental" zu beruhigen, indem sie sich "gut zureden", den Auslöser der Wut in ein "anderes Licht" rücken oder sich dazu bringen, an etwas ganz anderes zu denken. Erreicht werden soll durch all diese unterschiedlichen Strategien eine Abnahme der Wut, was oftmals auch gelingt, und zwar unabhängig davon, welche Strategie gewählt wurde. Dieses Prinzip nutzen wir bei den Gefühlssurfern, um mit den Kindern ein Bewusstsein für all diese Möglichkeiten zu schaffen. Unsere Surf-Trick-Kategorien stellen somit übergeordnete Strategie-Kategorien dar, die es ermöglichen sollen, sich über die Vielfalt möglicher Surf-Tricks klar zu werden. Ein Beispiel gefällig? Unsere Trick-Kategorie "Hängematten-Tricks" ist die Strategie-Kategorie, in der wir sämtliche Tricks sammeln, die mit physiologischer Anspannungsregulation zu tun haben. Aus unserem Beispiel zur Wut weiter oben, würde also der "Ich-bewege-mich-wenn-ich-wütend-bin-Reflex" in die Kategorie Hängematten-Tricks einsortiert werden. Genauso wäre eine bestimmte, beruhigende Atemtechnik ein Trick für diese Kategorie.
Im Laufe der Zeit haben sich sechs solcher Kategorien im Gefühlssurfer-Ansatz etabliert. Aber bevor wir diese kurz vorstellen, sei eines vorab gleich erwähnt: Unsere Trick-Kategorien wurden nicht wissenschaftlich per Faktorenanalyse oder Ähnlichem untersucht. Für uns hat sich das Arbeiten mit diesen Kategorien deshalb als sinnvoll herausgestellt, weil wir so auf die mannigfachen Möglichkeiten der Emotionsregulation eingehen und dadurch bildlich verdeutlichen können, dass es eben nicht nur eine oder zwei, sondern unendlich viele Möglichkeiten der Emotionsregulation gibt. Im Grunde genommen stellen Sie lediglich eine Taxonomie dar, um emotionale Prozesse zu beschreiben und damit greifbarer zu machen. Sie kommen also zum Einsatz, um Gruppengespräche zu strukturieren und die Kommunikation und die Reflexionsprozesse zu begünstigen. Durch diesen kategorialen Ansatz haben wir z.B. immer wieder die Erfahrung gemacht, dass dieser hinterfragt wird, bzw. inhaltliche Fragen bei den Kindern generiert, die unseren Austausch und das Verstehen der Prozesse, um die es geht, voranbringen. Nun aber zu den Kategorien, die da wären: Beobachtungs-Tricks, Steuerrad-Tricks, Hängematten-Tricks, Schöne-Insel-Tricks, Wasserglas-Tricks und Fernrohr-Tricks. Zu jeder Trick-Kategorie gibt es ein Symbol (siehe Materialbörse).
Beobachtungs-Tricks: Hierbei handelt es sich um alle Möglichkeiten, die ein Mensch besitzt, am Gegenüber und an sich selbst emotionale Zustände zu erkennen. Diese Möglichkeiten werden über Wahrnehmungsübungen (z.B. Soma-Maker) mit den Kindern und Jugendlichen exploriert und so die differenzierte Wahrnehmung von emotionalem Erleben geübt. So gesehen wird jeder Gefühlssurfer erstmal ein Profi im Gefühlswellen erkennen und einschätzen. Dies ist notwendig, um später diejenigen Tricks aus den anderen Kategorien auszuwählen und anzuwenden, die es ermöglichen, bestimmte Gefühlswellen zu surfen und nicht von diesen umgeworfen zu werden.
Steuerrad-Tricks: Unter dieser Kategorie werden alle Verhaltensweisen subsumiert, die durch eine kontextuelle Veränderung in einer Situation Emotionen regulieren können. Kinder und Jugendliche lernen, "ihr Steuerrad" zu nutzen, um beispielsweise nach einem Streit einen beruhigenden Ort aufzusuchen, den Ort des Streits zu verlassen, sich einer Freundin/einem Freund zuzuwenden, um sich abzulenken, oder Ablenkung im Musikhören zu finden.
Hängematten-Tricks: Die vermutlich umfangreichste Kategorie. Unter Hängmatten-Tricks werden bei den Gefühlssurfern sämtliche Tricks verstanden, die im weitesten Sinne dazu beitragen, eine physiologische Anspannung, die infolge einer bestimmten Emotion auftritt, zu verändern. So könnte bei starker Anspannung, ausgelöst durch intensive Angst, eine gezielte Atemübung ein solcher individueller Hängmatten-Trick sein. Weitere Trick-Beispiele sind: Entspannungstechniken, Stressbälle, gezielte sportliche Aktivitäten, und viele mehr.
Schöne-Insel-Tricks: Mögliche Tricks aus dieser Kategorie sind Traumreisen, das mentale Aufsuchen beliebter Orte, das mentale Aufrufen positiver Erlebnisse oder auch das imaginative Aufsuchen (sicherer) innerer Orte, die mit der erlebten Realität nichts gemein haben müssen. Im Grunde ist diese Trickkategorie das mentale Steuerrad, welches sich ausschließlich kognitiver Strategien bedient, um emotionale Zustände zu verändern.
Wasserglas-Tricks: Ein wirkmächtiger Mechanismus unserer Kognition, um emotionale Zustände zu verändern, steckt hinter diesem Bild: „Glas halb voll vs. Glas halb leer“ nämlich das Reframing. Die Möglichkeit also, etwas Erlebtes aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erklären und somit auch emotional unterschiedlich zu bewerten. Im Rahmen dieser Trickkategorie kann geübt werden, welche (emotionale) Bedeutung z.B. bestimmte Erlebnisse auslösen, wenn man die Ursachen jeweils anders deutet. Ist die Trauer-Welle gleich hoch, wenn das angefertigte Bild mutwillig oder unabsichtlich zerstört wurde? Was passiert mit meiner Wut-Welle, wenn ich erfahre, dass ein Autofahrer, der mir die Vorfahrt nimmt gerade in Gedanken woanders ist, weil er etwas Schreckliches erlebt hat? Oder, finde ich einen Witz immer noch zum Lachen, wenn ich erfahre, dass er einer anderen Person psychisch wehtut, Scham auslöst oder gar zu ihrem sozialem Rückzug führt?
Fernrohr-Tricks: Diese Kategorie ist vermutlich diejenige, die am meisten Übung erfordert. Inhaltlich ist hierunter vor allem die Kompetenz zu verstehen, bestimmte Wahrnehmungen zu Gunsten einer oder mehrerer anderer zu unterdrücken. Oder anders gesagt: Es geht um die Fähigkeit, den Fokus seiner Aufmerksamkeit gezielt z.B. auf eine bestimmte Sinneswahrnehmung zu lenken und alles andere möglichst auszublenden. Achtsamkeitsmethoden, aber auch viel einfachere Dinge wie das berühmte "Schäfchen zählen" um schneller einzuschlafen, würden im Gefühlssurfer-Kontext zu dieser Trickkategorie gehören.
Zu 2.: Wahrnehmungs-Experimente um multisensorisch bestimmte Prinzipien des emotionalen Systems erfahrbar zu machen (und als Einführung der Trick-Kategorien)
Inhalte über Experimente "erlebbar" zu machen, um so die Abspeicherung zu erleichtern, ist in nahezu jedem Lernkontext gang und gäbe. Wer erinnert sich nicht an Schulunterricht, in dem z.B. die Elektrolyse nicht ausschließlich an der Tafel über chemische Schaubilder erklärt, sondern tatsächlich durchgeführt und am Ende der entstandene Wasserstoff unter großem „Bohei“ angezündet wurde? Analog zu diesem Prinzip versuchen wir im Gefühlssurfer-Ansatz bestimmte psychologische Prozesse, die mit Emotionalität und deren Regulationsmechanismen in Zusammenhang stehen, experimentell erfahrbar zu machen. Auch hier ein Beispiel: Um die Kategorie Fernrohr-Tricks einzuführen, lässt sich aus unserer Sicht ein klassisches Experiment der kognitiven Psychologie nutzen. Im Internet findet man verschiedene Videos, um die sogenannte „Selektive Aufmerksamkeit" experimentell zu erleben. Selektive Aufmerksamkeit bedeutet, dass der Mensch schlicht nicht in der Lage ist, alle sensorischen Informationen gleichermaßen in angemessener Zeit zu verarbeiten. Darum werden in einer gegebenen Situation Informationen, die als irrelevant bewertet werden, automatisiert gefiltert, um so relevante Informationen effizienter zu verarbeiten. Im Experiment werden die Teilnehmenden aufgefordert, einen Film zu schauen und bekommen dabei die Aufgabe sich auf ein bestimmtes Merkmal des Filmes zu konzentrieren. Im Anschluss sollen sie dann eine Frage zu diesem Merkmal beantworten. Dies führt in vielen Fällen dazu, dass die Aufmerksamkeit während des Filmschauens eben ausschließlich auf diesem Merkmal liegt. Der Film beinhaltet aber auch Elemente die im Kontext des Films nicht passend, geradezu grotesk anmuten. Durch den Konzentrationsfokus auf einzelne Merkmale werden diese Elemente jedoch oft nicht wahrgenommen, obwohl man diese kaum ignorieren kann, wenn man den Film schaut, ohne eine Aufgabe gestellt bekommen zu haben. Dieses Phänomen der "selektiven Aufmerksamkeit" wird im Gefühlssurfer-Ansatz genutzt, um Aufmerksamkeitsmodulation für die Emotionsregulation zu nutzen.
Zu 3.: Methoden um eigenes Erleben zu reflektieren und dadurch emotionale Bedeutsamkeit und kognitiven Verstehensprozesse zu verknüpfen
Das Gefühletheater als Reflexionsmethode ist im Grunde genommen der Ursprung und somit ein wenig das Herzstück des Gefühlssurfer-Ansatzes. Viele Gruppenangebote, aber auch therapeutische Ansätze aller Art bedienen sich der Grundidee, die auch das Gefühlstheater prägt. Die Kinder und Jugendlichen werden mit einer sozialen Situation konfrontiert, die im realen Leben passieren könnte. Die Aufgabe besteht nun darin, sich diese Situation vorzustellen und zu überlegen: a) Was löst die Situation in mir und ggf. den anderen Beteiligten aus? und b) Welche Handlungsoptionen habe ich, um der Situation zu begegnen? Die Auseinandersetzung mit solchen "Was-wäre-wenn-Szenarien" soll bei den Beteiligten einerseits ein tieferes Verständnis der eigenen Reiz-Reaktions-Muster ermöglichen und andererseits durch die gedanklich vorbereitete Erweiterung solcher Muster (z.B. um bisher nicht bekannte bzw. angewandte Handlungsoptionen) dazu führen, in ähnlichen tatsächlich eintreffenden Situationen das eigene Handlungsrepertoire zu erweitern.
Beim Gefühletheater wird genau dieser Ansatz gewählt und um eine weitere Komponente erweitert, die in therapeutischen Settings, vor allem mit Kindern und Jugendlichen, bereits viel Anwendung findet. Diese Komponente betrifft die "emotionale Nähe" der Reflexion. Aus verschiedenen Praxisfeldern ist bekannt, dass v.a. Kinder manchmal große Schwierigkeiten haben, über sich selbst zu sprechen und nachzudenken. Vor allem dann, wenn der gedankliche Inhalt aversiv, also emotional negativ besetzt ist. In solchen Fällen kann es hilfreich sein, bestimmte Themen "durch die Augen eines Dritten" zu besprechen. Soll heißen: anstelle z.B. die Frage zu stellen „Wie geht es dir, wenn du von anderen gehänselt wirst, und was machst du dann üblicherweise?" Würde in man in diesem Ansatz eher Fragen: "Guck mal das hier ist Sammy. Er ist neu in der Schule und wird von einigen Mitschüler*innen immer wieder gehänselt. Was meinst du, wie fühlt sich Sammy in dieser Situation und hättest du vielleicht einen Tipp für ihn, wie er sich gegen die Hänseleien wehren könnte?". Die Erfahrung einer solchen Herangehensweise zeigt, dass durch das Ausklammern des direkten "Ich-Bezugs" Reflexionsprozesse vereinfacht werden und dennoch sehr viel „autobiografischer Inhalt“ in den Antworten steckt.
Wie aber sieht das Gefühlstheater nun konkret aus? Die Kinder sitzen im Halbkreis vor der "Bühne". Eine*r von ihnen hält eine Fernbedienung in der Hand, auf der Start-, Stopp-, Vor-, Zurück-Knöpfe abgebildet sind. Gemeinsam wird vorab mit den Kindern besprochen, wer sie bedient. Ist die Gruppe bereit, so wird die Vorstellung per Knopfdruck gestartet. Meist spielt oder erzählt einer der Anleitenden unter Verwendung einer Handpuppe eine Situation, die bei der Handpuppe offensichtlich eine Gefühlswelle auslöst bzw. ausgelöst hat. Die erste Aufgabe der Kinder ist es, Stopp zu drücken, wenn mindestens eines eine Idee hat, welche Gefühlswelle die Handpuppe gerade erlebt. Es folgt ein kurzer Austausch darüber, wie hoch die Welle wohl ist und woran die Kinder das erkannt haben (Achtung: Beobachtungs-Tricks!). Anschließend dürfen die Kinder überlegen, was dem Protagonisten in dieser Situation wohl helfen könnte. Eine oder mehrere solcher Surf-Trick-Ideen werden dann ausgewählt, der Handpuppe vorgestellt und die Szene wird fortgesetzt oder wiederholt, nun unter Berücksichtigung des vorgeschlagenen Surf-Tricks zum Umgang mit der Gefühlswelle. Ist diese Szene beendet, folgt eine weitere Reflexion mit den Kindern darüber, ob der Trick denn hilfreich war oder nicht. Natürlich kann man bei einer Fülle von vorgeschlagenen Surf-Tricks auch mehrere Varianten spielen und dann überlegen, wie jeweils die Wirkung war.
Das Gefühlstheater bietet also die Möglichkeit, viele Emotionsregulationsstrategien zu besprechen, deren genaue Wirkung zu "studieren" und zu differenzieren, welche Strategie in welchen Situationen wohl am vielversprechendsten wirkt. Wichtig in diesem Kontext ist zu erwähnen, dass der Gefühlssurfer-Ansatz keine richtigen und falschen Surf-Tricks definiert. Es geht lediglich darum, aufzuzeigen, wie breit das "Möglichkeitsspektrum“ im Bereich der Emotionsregulation ist. Aus diesem Grund versuchen die Anleitenden auch, wenig inhaltlich in den Reflexions- und Erarbeitungsprozess der Kinder einzugreifen, z.B. indem "richtige" Strategien angeboten werden.
Da der überwiegende Teil der bisherigen Erfahrungen mit dem Gefühlssurfer-Ansatz im Grundschulbereich entstanden ist, spielt das Gefühlstheater an dieser Stelle eine derart bedeutende Rolle. Gleichzeitig soll auch erwähnt werden, dass wir den Ansatz auch mit Jugendlichen erprobt haben. Dabei wurde deutlich, dass das Gefühletheater in eben dargestellter Form nicht mehr als adäquates Reflexionstool nutzbar ist. Darum haben wir versucht, die Grundidee und Struktur des Gefühlstheaters in eine etwas weniger kindliche Form zu übertragen. Das Ergebnis ist ein Arbeitsblatt, das in vier Bereiche eingeteilt ist, und im Grunde die Dramaturgie des Gefühletheaters als Gruppen- oder Einzelarbeit übernimmt. Den Jugendlichen wird links oben ein Bild mit in der Regel emotionalisierendem Inhalt präsentiert. Auch hier wird dann in den nächsten Schritten gefragt, wie sich die Personen im Bild wohlfühlen und welche Möglichkeiten zur Regulation der Emotion bestehen. Im letzten Abschnitt (unten rechts) werden die Jugendlichen dann aufgefordert, sich vorzustellen, wie die Szene wohl aussehen würde, wenn die Protagonisten eine bestimmte Emotionsregulationsstrategie gewählt hätten. Das Ergebnis dieses Reflexionsprozesses kann dann entweder schriftlich oder bildlich/gestalterisch festgehalten werden. Dieses Arbeitsblatt ist wie alle anderen Materialien in der Materialbörse per Download erhältlich.

Phase 3: Spiele & Gruppenkohäsion
Spiele ermöglichen bekanntermaßen - und das wahrscheinlich seit Menschengedenken - eine wichtige Funktion beim Aufbau von Fertigkeiten, Kompetenzen und sozialem Zusammenhalt. Nicht umsonst findet das Spiel in nahezu jedem Kontext der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen seinen Platz. Darum natürlich auch bei den Gefühlssurfern. Neben den bereits angerissenen positiven Effekten des Spiels auf die (kindliche) Entwicklung dient es noch einem weiteren Zweck im Rahmen der Gefühlssurfer: Es macht Spaß. Und Freude (nicht nur beim Lernen) ist in unseren Augen existenzielle Grundlage für ein gutes Miteinander auch über die Gefühlssurfer-Stunden hinaus.
Da wir unsere Arbeit vor allem zu Beginn in äußerst herausfordernden Lerngruppen angeboten haben, haben sich beim gemeinsamen Spiel ein paar Grundregeln etabliert, die wir mittlerweile kontextunabhängig für sinnvoll erachten. Zum einen achten wir bei der Wahl des Spiels darauf, dass wirklich jedes Kind mitmachen kann. Es werden also keine Spiele ausgesucht, in denen bestimmtes Vorwissen oder andere Fähigkeiten zur erfolgreichen Teilnahme vonnöten sind. Zum anderen verzichten wir auf Spiele, die den Wettbewerb zwischen Kindern fördern. Vor allem diese "Regel" beruht auf unserem Wunsch, in Lerngruppen, in denen Konkurrenz und gegenseitige Abwertungen an der Tagesordnung sind, keine zusätzlichen potenziellen Konfliktlinien zu eröffnen. Wenn wir in unseren Spielen also einen kompetitiven Charakter einbauen, dann wird dieser immer zwischen uns als Anleitern und der Lerngruppe als Ganzes inszeniert. Die Kinder spielen also gemeinsam gegen uns (Erwachsene) und nicht direkt gegeneinander.
Phase 5: Feedback
Ganz im Geiste anderer Bestandteile des Gefühlssurfer-Ansatzes nutzen wir ein Feedback der Kinder am Ende der Einheit in erster Linie dazu, um sicherzustellen, dass sich (möglichst) alle Teilnehmenden wohlfühlen und in ihrer subjektiven Wahrnehmung ernst genommen werden. Positives Feedback kann genutzt werden, um mit den Kindern darüber zu sprechen, was genau sie als sinnvoll, interessant, angenehm, etc. empfinden. Negatives Feedback kann aufgegriffen werden, indem bei der Konzeption der nächsten Stunden mitgedacht wird, dass die Inhalte nicht bei allen Kindern gut angekommen sind und es ggf. Änderungen in der Herangehensweise bedarf.
Konkret nutzen wir für das Feedback eine quantitative und anonyme Rückmeldemethode. Sprich: Die Kinder beurteilen die gerade erlebte Stunde auf einer 5-Punkt-Skala in Bezug auf die Frage: Wie gut hat dir die heutige Gefühlssurfer-Stunde gefallen? Für diese Erhebung haben wir ein kleines Feedbackgerät gebastelt, in das die Kinder nach der Einheit eine kleine Murmel in eines von 5 verdeckten Röhrchen werfen können.

